Thomas Hohn ist ein Experte im Bereich des Motorenumtuning und gleichzeitig Teil einer Polizeimotorradeslei. Er hat umfassende Kenntnisse über das heikle Thema der Lärmbelastung durch Motorräder von allen Seiten. Im Rahmen seines Beitrags in CHIP beleuchtet er die Notwendigkeit, alte Vorstellungen rund um Motorradfahren hinter sich zu lassen. Zudem diskutiert er den Platz elektrischer Motorräder in diesem Zusammenhang.

Seit nunmehr über 30 Jahren arbeite ich beim motorisierten Polizeieinsatz in Stuttgart. In meiner Rolle als Verantwortlicher für eine Gruppe, die sich mit Modifikationen an PKWs sowie Motorrädern und ihren Fahrern befasst, habe ich mich intensiv damit auseinandergesetzt – hinzu kommt meine persönliche Erfahrung von mehr als 600.000 Kilometern Berufs- und Freizeitfahrten auf zwei Rädern. Auch elektrisches Fahren ist mir nicht fremd; schon 2018 probierte ich zum ersten Mal eine Zero aus, danach kam eine HD Livewire dazu. Zudem absolvierte ich zwischen Beginn des Jahres 2021 und Mitte 2022 während meines Dienstes gelegentlich auf einer Zero etwa 150 Kilometer innerstädtischer Fahrt.

Als Leitungskraft einer Kontrollgruppe bilden und fördere ich kontinentalweit weitere Polizeikontrollteams im Bereich Motorradfahrtechnik sowie Veränderungen an Fahrzeugen. In den vergangenen Jahren hat jedoch eine Angelegenheit zunehmend an Bedeutung gewonnen: Der Lärm vonMotorrädern. Die Meinungen der Öffentlichkeit, die sich in Teilen Deutschlands und Europas erheblich davon belästigt fühlen, haben dieses Problem mittlerweile auch auf politischer Ebene ins Visier genommen.

Lautstarke Motorräder: Alle möglichen grauen Bereiche werden ausgeschöpft.

Das Verändern von Auspuffsystemen ist im Motorradmilieu durchaus üblich. Man findet in vielen Online-Gemeinschaften Anleitungen dazu, wie man den so genannten Dezibel-Killer entfernen kann. Die dB-Killers sind spezielle Auspuff-Dämpfer, deren Hauptziel darin besteht, das Lärmprofil des Motorrads zu mildern, insbesondere während der Explosionsphase beim Brennstoffverbrauch. Ohne diese Dämpfer tendieren Motorräder häufig zur Übersteigerung der gesetzlichen Lärmschwellengrenzen. Daher steht dieser Umbau gemäß dem Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordner (StVZO) außerhalb der Gesetzesvorschriften und gilt somit als unzulässig.

Im März 2025 findet ein Event statt. neue Regel in Kraft gekommen sind, um den Aufbau dieser Bereiche zu verkomplizieren und somit jede Art vonManipulation vollständig unmöglich zu machen.

Allerdings liegt das wahre Problem beim Wunschenutz der MotorradfahrerInnen: Gesetzmäßige Regelungen wären theoretisch hinreichend – wäre da nicht die Zubehörbranche, welche sämtliche möglichen "grauen Bereiche" nutzt, um dem soundbegeisterten motorradführenden Publikum ihre Träume zu erfüllen. Der Großteil moderner Motorräder ist seit ungefähr zwei Jahrzehnten standardmäßig so still konstruiert, dass eine angenehme Fahrt selbst bei rationellem Fahren gewährleistet ist und gleichzeitig lautlich innerhalb der Zulassung bleibt und nahezu unspektakulär erscheint – vorausgesetzt natürlich, diese Maschinen haben nicht durch Zusatzanlagen, Sportauspuffdämpfer oder ganz einfach illegal veränderte Akustik verbessert werden müssen.

Zu vielen Motorradfahrern fehlt es an Verstand.

Am Ende liegt es natürlich wie gesagt direkt in Händen derMotorradfahrer selbst, indem sie durch einen angepassten und vernünftigen Fahrstil jeglichen Ärger vermeiden können. Meiner Erfahrung zufolge zeigen jedoch viel zuwenig Fahrer dieser notwendigen Vorsicht auf. Sollten wir dies wirklich als Spaß amFahren hinnehmen? Insbesondere dieses sogenannte Vergnügen am Fahren führte in den vergangenen Jahren dazu, dass verstärkte Sperrungen vonStrecken sowie härtere Überwachungsmethoden die echteFreude am Fahren zunehmend beschnitten haben.

Vor ein paar Jahren, als das Thema Bahnstreckensperrungen zum ersten Mal diskutiert wurde, organisierte eine Gruppe von motorradführenden Demonstranten einen Protestzug in Stuttgart. Tausende Motorradfahrer trafen sich an einem großen freien Platz außerhalb des Stadtzentrums. Der Auftrag zur Sicherstellung der Straßenführung während der Ankunft verschiedener Kolonnen sowie für den Ablauf des Events wurde der Stuttgarter Motorradstaffel erteilt.

An diesem Tag habe ich den gesamten Tag lang dort gearbeitet und befand mich in der Nähe eines der wichtigsten Eingänge, nicht weit vom Veranstaltungsort entfernt. Unter den Hunderten vonMotorradfahrern, die kurz bevor die Demo beginnen sollte, noch vorbeirasten, schätzte ich, dass mindestens 25 bis 30 Prozent bewusst sehr laute Geräusche produzierten. Dies passierte entweder aufgrund überhöhter Geschwindigkeit oder weil sie ihre Auspuffanlagen illegal modifiziert hatten oder diese speziellen Teile aktivierten, um einen besonders lauteren Ton zu erzeugen.

Sicherlich kann man nicht definitiv sagen, ob unser bloßer Aufenthalt die Ursache für das Verhalten war. Allerdings ist festzustellen, dass auf dieser Straße trotz des Geschehens weiterhin eine durchaus normale und sogar beachtliche Menge von Fußgängern unterwegs war. Viele von ihnen zeigten ihr Missfallen über dieses Benehmen deutlich indem sie mit dem Kopf schüttelten. Mehrere Passanten wandten sich uns direkt zu, um ihre Ungläubigkeit darüber auszudrücken, wie wir so ein Fahrverhalten dulden konnten.

Klang scheint wichtiger zu sein als Fahrgenießen.

Hier bietet sich die Elektromobilität als echte Gelegenheit an, endlich dieses alte Muster abzulegen. Allerdings nicht doch: Scheinbar ist es so, dass die exzellente Fahrzeugdynamik wegen des – man muss leider damit vorliebnehmen – sagen wir mal "begeisterten" Leistungsabganges beim Elektroantrieb unwichtig wird. Anscheinend zählt nur noch der Klang.

Natürlich gibt es gültige Argumente dafür, momentan noch nicht zum Elektrozug oder dem Elektromotorrad überzuwechseln: Die bislang recht begrenzte Reichweite und vor allem die immer noch viel zu langen Ladesysteme stellen nachvollziehbare Hürden dar. Zudem muss die Infrastruktur zur Aufladung weiter ausgebaut werden, besonders an Orten, die motorradsportbegeisterten Fahrern wichtig sind. Darüber hinaus haben Gespräche mit Experten gezeigt, dass das erheblich höhere Preisangebot für Elektromotoren verglichen mit Verbrennungsmotoren einen Abschreckeffekt hat.

Tatsächlich habe ich über die Jahre hinweg häufig mit stark emotionsgeladenen Motorrädern gearbeitet – hierbei liegt der Fokus hauptsächlich auf umgebauten oder klassischen Modellen eines berühmten amerikanischen Herstellers –, bei denen wegen kleinster Benzinbehälter manche eine Reichweite von deutlich weniger als 200 Kilometern aufwiesen. Zu bedenken ist, dass die typischen Fahrstrecken dieser Fahrzeuge im Freizeitaltum meist nicht einmal annähernd 100 Kilometer betragen oder diesen Wert sogar unterschreiten. Dies trifft übrigends auch auf den größeren Teil der anderen Motorradkategorien sowie ihre Nutzer zu.

Denkt an die Freude am Fahren und die Schönheit der Natur!

Wenn sich jene Motorradfahrer, welche primär wegen des Mangels an Lärm ablehnend gegenüber Elektromotoren sind, darauf konzentrieren würden, das wahre Vergnügen zu schätzen – wie ich finde, darin bestehend, dynamisches Fahren und die Natur zu genießen – statt sich nur aufs Motorengeräusch zu fixieren, wären sämtliche vorgesehenen Einschränkungen möglicherweise sehr schnell obsolet.

Herzliche Grüße vom Stuttgarter Motorradteam – und immer einen safeen Weg!

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