Bei den berühmten Osterprozessionen in Spanien säumen dieser Tage wieder Millionen Menschen die Straßen. Ebenso viele verfolgen die prachtvollen und zugleich mysteriösen Umzüge am heimischen Fernseher. Die Veranstaltungen versetzen das Land auch dieses Jahr wieder in einen regelrechten Ausnahmezustand. Die Umzüge in Sevilla, vor allem die in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag, gehören zu den größten und weltweit bekanntesten.
Schon am Palmsonntag fanden zum Start der Karwoche Umzüge in Palma de Mallorca und vielen anderen Städten des Landes statt. Am Montag und in der Nacht auf Dienstag standen zum Beispiel allein im andalusischen Málaga sechs Prozessionen auf dem Programm.
Die „Semana Santa“ (Heilige Woche), wie die Karwoche in Spanien genannt wird, ist in dem katholischen Land wichtiger als Weihnachten. Vor allem im Süden, in Städten wie Sevilla, Málaga oder Granada, sind die Prozessionen nicht nur Ausdruck tiefer Religiosität, sondern auch ein opulentes buntes Volksfest. Die Menschen in Andalusien lieben das Dramatische und Sinnliche.
Die Umzüge muten deshalb fast wie religiöse Theateraufführungen mit Licht, Weihrauch und Klageliedern an. Teils tonnenschwere große Christus- und Marienfiguren werden dabei durch die Straßen getragen.
Geheimnisvolles, beinahe angsteinflößendes Ambiente
Die Mitglieder frommer Bruderschaften tragen Bußgewänder und bedecken ihre Köpfe mit spitz zulaufenden Kapuzen. Ihr Aussehen wird durch die enge Verhüllung ihrer Gesichter weitestgehend eingeschränkt, sodass nur noch schmale Schlitzaugen sichtbar sind. Dieses Erscheinungsbild wirkt oftmals unheimlich, mysteriös und sogar beeindruckend im Sinne von furchteinflößend. Diese Besonderheit trägt jedoch zum Reiz dieser Praktiken bei.
Obwohl die Osterprozessionen ihren Anfang im Mittelalter nehmen, erhielten sie im 16. Jahrhundert während des Zeitalters der Reformation eine neue Bedeutung. In Reaktion auf Martins Luthers Bewegung und als Gegengewicht zur inneren Frömmigkeit des Protestantismus sowie zu dessen Kritik an dem Prunks der katholischen Kirche, wurden diese Prozessionen absichtlich immer prachtvoller gestaltet. Die Ziele dieser Umzüge bestanden darin, den Glauben anschaulich und fühlbar zu machen und gleichzeitig die Verbindung der Menschen mit der Katholischen Kirche zu stärken. (dpa)